Interview mit Stephan Weil und Olaf Lies

 

In den sieben Regionalkonferenzen wurden zahlreiche Fragen zu Sachthemen gestellt und beantwortet. Hierbei hat sich gezeigt, dass sich beide Kandidaten in den Sachfragen weitgehend einig waren.

Im folgenden Interview hat sich Dieter Böversen darauf konzentriert hinter die politische Fassade zu schauen und die Persönlichkeit der Kandidaten zu skizzieren. Beide Kandidaten bekamen neun identische Fragen gestellt, nur die letzte Frage richtete sich speziell an den den jeweiligen Befragten.

Viele Menschen haben große Hoffnungen in Bezug auf deine Arbeit. Wie nimmst du das wahr? Wie gehst du damit um?
Stephan: Es gibt in der Tat viele Erwartungen. Ich freue mich natürlich über das Vertrauen, welches mir entgegen gebracht wird und gleichzeitig weiß ich, dass die Aufgabe des niedersächsischen Ministerpräsidenten in den nächsten Jahren enorm anspruchsvoll sein wird. Insofern gehe ich auch mit Respekt an diese Aufgabe heran. Durch meine bisherige Arbeit vor allen Dingen als Oberbürgermeister weiß ich was ich kann. Ich weiß aber auch was ich nicht kann und das ist dann vielleicht die richtige Mischung. Ich gebe mir große Mühe keine übertriebenen Erwartungen zu wecken und gleichzeitig kein Vertrauen zu enttäuschen. Um ein Beispiel zu sagen. Es gibt von mir keine Blanko-Schecks. Die Landesfinanzen befinden sich in ernsten Schwierigkeiten. Ich glaube es wäre nicht ehrlich jetzt zu suggerieren in dem Moment wo die SPD regiert, wird alles Mögliche ganz schnell möglich sein. Das wäre mein Umgang mit diesen Erwartungen.

Olaf: Stimmt! Ich werde ganz oft angesprochen. Wenn die Leute dann sagen, Mensch du machst das gut und mach mal weiter, das ist schon eine große Verantwortung. Die Leute vertrauen mir. Ich versuche ganz offen und ehrlich zu erklären, was ich tatsächlich machen kann.

Grade in diesen Tagen hast du ein enormes Arbeitspensum zu absolvieren. Wie verhinderst du die Überlastung?
Stephan: Im Moment ist es wirklich stressig, aber das ist jetzt eine sehr kurze, sehr intensive Phase bis zum 27.November. Ich habe bislang und auch weiterhin vor meinem Amt hier in vollem Umfang gerecht zu werden. Ich bin natürlich abends sehr oft in Niedersachsen unterwegs. Das geht aber auf diese Art und Weise jetzt, insbesondere weil ich mir weiterhin daneben den Freiraum nehme, um Sport zu treiben. Das ist nötig, damit ich persönlich auch weiterhin belastbar bleibe.

Olaf: Das habe ich natürlich trainiert in den letzten Jahren. Eigentlich in den ganzen Jahren schon als ich Personalratsvorsitzender war, waren wir jedes Wochenende unterwegs. Da ging es um den Zusammenschluss der Hochschulstandorte.
Ich freue mich auf die Momente, die ich dann habe, um zu regenerieren mit der Familie. Das ist so der wertvolle Punkt, wenn ich mal Mama besuchen kann oder wenn ich natürlich bei meiner Frau und den Kindern bin, so dass man dann wieder runter kommt. Diese Momente sind zwar nur kurz, nur einen Nachmittag oder einen Abend, aber diese Momente tun mir gut und geben mir Kraft.
(Nachfrage) Wie erholst du dich?
Olaf: Wenn ich da bin. Am Besten funktioniert es mit den Kindern. Das ist am allerbesten, gebe ich offen zu. Wenn ich bei meiner Mama bin, oder Zuhause bin, bin doch immer abgelenkt. Aber die Kinder zwingen einen dazu, wenn man mit ihnen spielt, sich so sehr zu vertiefen und die lenken so sehr ab, dass es ein unglaubliches Gefühl ist, mal ne Stunde oder zwei nicht an Politik oder die Arbeit gedacht zu haben.

Kennt man dich Zuhause noch oder heißt es schon „Wer bist DU denn?“
Stephan: Nein, man kennt mich Zuhause erfreulicher Weise noch. (Lacht) Man hat mich auch über längere Zeit kennen gelernt. Ich bin mit meiner Frau schon viele Jahrzehnte zusammen. Unser Sohn ist erwachsen, ist aus dem Haus. Meine Frau hat selber einen anspruchsvollen Beruf. Ich bin ganz froh, dass Zuhause niemand den ganzen Tag auf mich wartet. So kommen wir alle mit dieser Situation gut klar.

Olaf: Zum Glück gibt es ja die Medienberichterstattung. Insofern erfährt man ja Zuhause ne Menge darüber, was ich woanders mache. Es ist schon so, dass es eigentlich ganz wenig Zeit geworden ist, die ich Zuhause bin. Ich versuche das noch zu kompensieren, indem ich was die Familie angeht, ganz oft abends nach Hause fahre und dann morgens wieder hier her komme, dass ich dann nachts da bin und wir uns morgens sehen. Aber es ist tatsächlich so, dass es wirklich schon ein erheblicher Zeitraum ist, den ich nicht Zuhause bin. Das gilt ganz besonders für meine Mama, wo ich noch seltener bin. Und es gilt ganz besonders für das, was man an Umfeld hat. Das Schlimme ist oft, dass man sich von seinem Persönlichen Umfeld entfernt. Deswegen ist es immer gut, wenn man dort ein ganzes Wochenende ist, und man wirklich mal zwei Tage Zuhause ist, und man dann auch wirklich mal bei Freunden ist, und zeigt ich bin es noch und ihr kennt mich nicht nur aus der Zeitung sondern im wahren Leben.

Politiker haben Vorbildfunktion. Du bist Vater. Wie viel hattest du mit wickeln, füttern und trösten zu tun?
Stephan: Schon ziemlich viel, weil es mir auch viel Freude bereitet hat. Ich habe die ganz jungen Jahre von unserem Sohn sehr genossen. Deswegen habe ich mich da auch sehr engagiert.

Olaf: Ich glaube mit dem Trösten heute noch eine ganze Menge. Es ist bei den beiden Mädchen unterschiedlich. Die eine ist auf den Papa fixiert und kommt auch immer. Das würde ich merken, wenn ich nach Hause komme und sie nicht mehr die Nähe zu mir suchten, sie nicht mehr kämen im Sinne von wir haben da ein Problem. Dann weiß ich, dass die Distanz zu groß geworden ist. Dann habe ich was falsch gemacht. Das klappt immer noch. Vielleicht ist das auch bei Mädchen so, dass der Papa eine besondere Rolle spielt und ich da auch die besondere Rolle auch habe.
Mit Wickeln und Füttern als sie Babies waren, hatte ich wenig zu tun.
(Nachfrage) Hast du dich da falsch entschieden?
Olaf: Ich glaube jeder Moment, den man nicht genutzt hat, selbst wenn er einem manchmal im ersten Moment lästig vorkommt, den bereut man und vermisst man irgendwann. Weil man doch immer irgendwo überlegt und das schöne am Leben ist ja, dass die Erinnerung an das Leben zwicken. Rückblickend auf das, was man nicht gemacht hat - irgendwann kommt der Zeitpunkt „hätte ich mehr Zeit gehabt“. Aber es war eigentlich immer so, dass es ganz, ganz viele Dinge im Leben gab, dass man eigentlich zu wenig Zeit gehabt hat für das, was einem wirklich wichtig war, wie die Familie und Freunde.

Hast du je gravierende Fehler gemacht?
Stephan: Erfreulicher Weise glaube ich bis jetzt noch nicht. Aber ich weiß, dass es jeden Tag passieren kann.
Olaf: Nein, gravierende Fehler nicht.

Wie gehst du mit Fehlentscheidungen und ihren Folgen um?
Stephan: Ich bemühe mich um einen offenen Führungsstil im Rathaus. Ich sage den Kolleginnen und Kollegen, dass sie von mir Offenheit erwarten können und dass ich umgekehrt auch Offenheit erwarte. Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, dass man auch in sehr schwierigen Konfliktsituationen sehr offen und sehr klar miteinander spricht, damit z.B. Sachargumente und Haltungen unterscheiden kann. Ich habe in den vergangenen 15 Jahren hier im Rathaus viel Führungserfahrung gewonnen und auf diese Weise meine besten Erfahrungen gemacht.

Olaf: Sich selbst eingestehen, dass es ein Fehler war, ist glaube ich die größte, bedeutendste Erkenntnis. Und dann dafür sorgen, dass man sich vielleicht an der einen oder anderen Stelle…erstmal kommuniziert, mit denen reden, die auch betroffen sind von den Fehlern und dann nach Möglichkeiten sucht die Sache wieder in den Griff zu kriegen. Weil es eigentlich immer Mensch trifft, die man mehrmals trifft im Leben und nichts ist schlimmer, als wenn man sich verstecken muss vor Leuten, wenn man genau weiß da hab ich Mist gebaut und hab´s nicht versucht es zu korrigieren.

Verstehst du die Kandidatur des anderen Genossen?
Stephan: Ja natürlich verstehe ich die. Das ist ja auch nicht weiter schwierig. Wenn man jung ist, wenn man Landesvorsitzender ist, dann frag man sich, ist es nicht auch eine gute Option für die Partei, wenn ich dann den Ministerpräsidenten mache. Umgekehrt habe ich den Eindruck, dass meine Kandidatur in der SPD auch auf sehr, sehr viel Verständnis stößt.

Olaf: Ja klar! Eindeutig! Ich finde, wer für sich den Anspruch erhebt zu kandidieren, der sollte das machen. Ich hab´s gemacht, Stephan hat das gemacht und das find ich völlig in Ordnung.

Wie gehst du mit Niederlagen um, z.B. solltest du unerwartet die Urwahl nicht gewinnen?
Stephan: Sportlich! Ich betrachte die Situation jetzt als ein Personalangebot an die SPD-Mitglieder. Die Mitglieder sind in der guten Situation keinen politischen Richtungsstreit entscheiden zu müssen, sondern sich zwischen zwei Menschen entscheiden zu können, die sehr unterschiedlich sind. Die unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, auch einen unterschiedlichen Politikstil vertreten. Das gibt den SPD-Mitgliedern die Möglichkeit sie zu fragen: Wer kann besser die Wahlen gewinnen? Wer kann vor allen Dingen besser regieren in einer schwierigen Zeit? Wie sollte die SPD im Wahlkampf auftreten? Das ist jetzt eine gute demokratische Erfahrung, die wir miteinander in der SPD machen.

Olaf: Das ist in diesem Rennen, das für sehr offen halte, noch gar nicht abzuschätzen, was dann kommt. Natürlich beschäftige ich mich mit der Frage was dann kommt.
Mein Ziel ist, in Niedersachsen etwas zu verändern. Das bleibt das erklärte Ziel! Ich würde das gerne an der Spitze machen. Wenn ich es nicht an der Spitze mache, dann wird sich eine andere Stelle ergeben. Ich bin Abgeordneter und will auch Abgeordneter bleiben. Ich will weiter daran arbeiten, etwas zu verändern. Die Ziele die ich habe, die werden sich nicht verändern.

Warum wechselst du nur als Spitzenkandidat in die Landespolitik?
Stephan: Ich glaube, dass ich der SPD weiter sehr gute Dienste hier im Rathaus leisten kann für den Fall, dass die SPD-Mitglieder sagen, Olaf Lies soll Spitzenkandidat werden. Die Führung der größten und wichtigsten niedersächsischen Stadt ist nicht nur eine anspruchsvolle Aufgabe und eine sehr schöne. Sie hat auch eine wichtige Bedeutung für die SPD insgesamt.
(Nachfrage) Du könntest doch auch als Minister oder Abgeordneter dem Land dienen?
Das sage ich ja! Wenn ich mir Gedanken darüber mache, wo bin ich dann besser aufgehoben? An der Spitze der größten niedersächsischen Stadt oder als Landtagsabgeordneter, glaube ich, dass für mich aber auch für die SPD der Verbleib im Rathaus die richtige Antwort ist.

Stehst du der Landesregierung auch dann noch zur Verfügung?
Olaf: Ich stehe allen politischen Aufgaben zur Verfügung.
Ich möchte noch einen Satz zu der Frage des Landesvorsitzenden sagen, weil es immer wieder genannt wird. Ich habe mir die Entscheidung zu kandidieren nicht leicht gemacht. Und ich weiß auch, dass es nicht einfach ist, wenn der Landesvorsitzende kandidiert und dann möglicherweise nicht Spitzenkandidat wird, dann Landesvorsitzender bleibt und man so tut als sei nichts passiert. Deswegen habe ich gesagt - obwohl mir dies schwer fällt, weil ich diese Aufgabe wirklich liebe und auch sehr gerne ausübe und die Partei auch wirklich lieben gelernt habe an allen Stellen Niedersachsens - bin ich bereit meinen Stuhl ein Stück zurück zu nehmen, und zu sagen, ok, ich kann jetzt nicht einfach sagen alles soll bleiben wie es ist. Sondern dann würde ich dem Spitzenkandidaten die Entscheidung überlassen mit welcher Mannschaft er im Wahlkampf antreten will.

***
Hannover im November 2011
Dieter I.S. Böversen
 

 

 


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